Mit dem Verklingen der weihnachtlichen Jubellieder und dem allmählichen Verblassen des Lichterglanzes treten wir ein in eine andere Zeit des Kirchenjahres. Der Weg führt uns fort vom hellen Licht der Krippe in Bethlehem, von der süßen Nähe des menschgewordenen Gottes – des Jesuleins, hinein in den Ernst der Passionszeit, in der sich das Geheimnis unseres Heils im Leiden und Sterben Christi erschließt. Und doch: Das Licht, das in der heiligen Nacht aufgegangen ist, verlischt nicht. Es leuchtet weiter und begleitet uns – nun nicht mehr mild und tröstlich allein, sondern auch prüfend und richtend.
So spricht der Herr im Evangelium: Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet. (Joh 3,18). Nicht allein ein fernes Strafgericht ist hier gemeint, sondern eine gegenwärtige Wirklichkeit. Denn wer sich dem Glauben verweigert, wer das Licht Gottes von sich weist, der setzt sich selbst in die Finsternis, beraubt sich der Wärme und Lebenskraft göttlicher Liebe.
Und das ist das große Paradox des menschlichen Herzens: Obwohl der Mensch von Natur aus das Licht sucht und die Dunkelheit fürchtet, zieht es viele doch zur Finsternis. Die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, sagt Jesus(Joh 3,19). Vielleicht weil das Licht Gottes enthüllt, was verborgen bleiben möchte: Schuld, Zerbrochenheit, Bedürftigkeit.
In der Heiligen Schrift ist das Licht Sinnbild für Gott selbst. Seine Liebe ist der Grund allen Seins. Ohne sie wäre kein Mensch, ja kein Geschöpf. Auch jene, die meinen, ohne Gott leben zu können, leben in Wahrheit täglich von seinen Gaben. Darum klagt der Psalm: Die Toren sprechen in ihrem Herzen: »Es ist kein Gott.« (Ps 53,2).
Für uns Glaubende ist dieser Weg nicht leicht. In einer Zeit, die Gott weithin vergessen hat, bedarf es Ausdauer und Standhaftigkeit, gegen den Strom zu schwimmen. Spott und Gleichgültigkeit begegnen uns häufiger als Zustimmung – manchmal auch in der eigenen Familie. Doch tröstlich ist die Metapher der frühen Kirche: „Wenn die Blinden nicht sehen, heißt das nicht, dass die Sonne nicht scheint.“
Das Licht der Liebe Gottes scheint – auch in der dunkleren und ernsteren Passionszeit. Und sein Versprechen steht fest: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Joh 3,16). Möge dieses Licht die Herzen durchdringen, die sich verschlossen haben. Und möge Christus auch uns immer wieder neu unsere Herzen erleuchten, damit wir nicht in der Finsternis wandeln, sondern im Licht des Lebens bleiben.
Ihr Kantor Roy Heyne